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Freitag, 15. November 2013

Wienerin-Award 2013 an Heide Lex-Nalis: Dankesrede

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich gehe davon aus, dass sie alle einen Kindergarten kennen.
Weiters gehe ich davon aus, dass in Ihrem Kopf Bilder entstehen, wenn Sie an einen Kindergarten denken. Vielleicht sehen Sie kleine Sesselchen und niedrige Tische, Garderoben mit Schildchen für jedes Kind, bunte, von den Kindern gemalte Bilder an den Wänden, vielfältige Spiel- und Bastelmaterialien, jahreszeitlich passende Dekorationen. Vielleicht sehen sie auch junge und ältere Frauen, die mit Kindern spielen, singen oder turnen; die Bilderbücher vorlesen, Nasen putzen, kleine Verletzungen verarzten, weinende Kinder trösten oder die um diese Jahreszeit das Laternenfest vorbereiten oder ab demnächst  Weihnachtsgeschenke für die Eltern basteln.

Kurzum: eine schöne, heile Welt, die mit dem Eintritt in die Schule – mit dem bekanntlich der Ernst des Lebens beginnt – endet.  
Ich gehe davon aus, dass viele von Ihnen sich darüber wundern, warum wir – die AktivistInnen der Plattform EduCare – daran etwas ändern wollen. Warum wir für die Aufwertung der Institution Kindergarten und für die akademische Ausbildung von KindergartenpädagogInnen eintreten. Vielleicht fragen Sie sich auch, wozu „man“ für das Spielen, Singen und Vorlesen, für das Naseputzen und Trösten eine akademische Ausbildung braucht?

Ich will versuchen, es Ihnen in einigen Sätzen verständlich zu machen.
Durch die Hirnforschung ist heute wissenschaftlich erwiesen, was viele Generationen vor uns auch schon gewusst haben: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ Das gilt natürlich auch für das Gretchen.

·    Im Kindergartenalter - und auch schon davor - entwickeln sich alle jene Verknüpfungen im Gehirn, die Basis für jedes weitere Lernen ist.

·    In diesem Alter sind alle Mädchen und Buben neugierig und wissbegierig und wollen den lieben langen Tag diese Neugier und Wissbegierde befriedigen. Niemand muss sie zum Lernen auffordern.

·    Kinder in diesem Alter lernen im wahrsten Sinne des Wortes „spielend“ und eignen sich dabei alle, für das weitere Leben notwendigen, intellektuellen und sozialen Kompetenzen an. 

Ganz ohne Unterstützung lernen aber auch Kinder in diesem Alter nicht:

·     Sie brauchen ab dem 2. Lebensjahr andere Kinder,

·     eine phantasieanregende Umgebung, die genügend Platz zum Spielen und zum Ausleben des Bewegungsdranges bereithält

·    und sie brauchen die Erwachsenen. Menschen, die auf sie eingehen, die ihre Fragen, Sorgen, Ängste aber auch ihre Ideen ernst nehmen und die bereit sind, gemeinsam mit ihnen nach Antworten und Lösungen suchen.
 
Diese erzieherischen Aufgaben wurden über viele Generationen – besser oder schlechter -  von Müttern erfüllt.

Heutzutage gibt es solche Mütter nur mehr sehr selten und es steht mir nicht zu, dies zu bewerten. Es ist einfach eine Tatsache, genauso wie die, dass es kaum noch Familien mit mehreren Kindern gibt und dass es auch viel zu wenig Platz, – drinnen und draußen - in denen Kinder gefahrlos ihren Bewegungsdrang ausleben können, gibt.
Der Kindergarten von heute hat den Auftrag, alle Kinder für die Schule und für das Leben fit zu machen.

Der Ausbau von Kindergartenplätzen wird rasant forciert, weil europaweit alle Regierungen erkannt haben, dass viel zu viele Kinder bereits mit einem Defizit in die Volksschule kommen, das nur mehr schwer aufzuholen ist.
In Österreich müssen seit einigen Jahren alle 5 jährigen Kinder den Kindergarten besuchen. Die KindergartenpädagogInnen arbeiten nach einem bundesweit gültigen Bildungsplan, der auf wissenschaftlichen Erkenntnissen fußt und in dem alle Bildungsbereiche festgelegt sind. Sie sind aufgefordert, jedes einzelne Kind zu beobachten und dabei einerseits spezielle Begabungen und Interessen zu erkennen,  andererseits aber auch zu sehen, wo Hilfe und zusätzliche Förderung notwendig ist, um allen Buben und Mädchen einen guten Start in die Schule zu verschaffen.

Bei dieser Aufgabenstellung stellt sich die Frage: warum wird der Kindergarten vor dem Gesetz nicht gleich behandelt, wie die Schule?
Warum ist der Kindergarten nicht im Bildungssystem eingliedert und warum werden die KindergartenpädagogInnen nicht endlich wie alle anderen PädagogInnen an Hochschulen und Universitäten ausgebildet?

Diese Fragen stellen sich die verantwortlichen PolitikerInnen noch nicht oft genug. Da braucht es „Nachhilfe“ von der Zivilgesellschaft. Da braucht es lästige und unnachgiebige Menschen, die immer wieder diese Fragen stellen und auf Antworten drängen.
Das war es, was ich in den letzten Jahren gemacht habe und was ich weiter machen werde. Vieles ist gelungen, aber es ist noch viel zu tun.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit!
 
 
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